Dieser Lauf stand seit fast einem Jahr in meinem Kalender und ich hatte mir Gedanke darüber gemacht, ob ich die 52 oder doch die 80 Kilometer Laufen sollte… ich hätte mir mal Gedanken über das Training machen sollen, aber dazu später mehr…
Ich war bei weitem nicht so aufgeregt wie bei Triathlon Wettkämpfen – Laufen war ja meine Lieblingsdisziplin. Im Vorfeld habe ich mit mir lange gerungen, ob ich mich nicht auf die 80 Kilometer ummelden sollte. Immerhin hatte ich ja einen Doppeldecker absolviert und war ganz gut bei der Harzquerung dabei gewesen. Ein längerer Testlauf eine Woche zuvor sollte mich aber von der Ummeldung abhalten – ich blieb also bei den 52 Kilometern. Diese wollte ich aber unter 5 Stunden laufen – das Wetter spielte an diesem Tag für dieses Vorhaben jedenfalls mit.
Gut gefrühstückt bin ich Richtung Schneverdingen gefahren. Treffpunkt war die Turnhalle an der Klaus alles bestens vorbereitet hatte. Als ich eintraf waren schon fast alle Läufer da, unter anderem auch Peter, welchen ich bei meinem Doppeldecker im März kennengelernt hatte. Auch Bernd kam wenig später – Bernd hatte mich über meinen Blog hier kennengelernt als er über den Heide-Ultra-Trail gegoogelt hatte. Nach kurzem Smalltalk kam die Einweisung durch Klaus, Ausgabe der Karte und Unterschrift des Haftungsausschlusses. Danach stellten sich alle einmal zum Foto auf und Punkt 9 Uhr ging es dann los.
Ich hatte mir extra die GPS Daten von der Laufstrecke auf meine Polar heruntergeladen, aber die Navigation funktionierte nicht – dabei hatte ich das im Vorfeld doch getestet. Das war nicht gut – so blieb ich erstmal bei allen anderen, setzte mich mit Peter aber schnell vorne ab. Die Markierungspunkte (kleiner oranger Punkt) waren durch Klaus zwar gesetzt, aber ich tat mich echt schwer diese zu finden. Peter hatte die GPS Daten auf seiner Uhr und kannte die Strecke halbwegs vom letzten Jahr – nur das diesmal andersrum gelaufen wird. Die Strecke ließ sich gut laufen, führte über Schotterwege bis hin zu schmalen Waldwegen.
Hinter uns war bald keiner mehr zu sehen, aber trotz Karte und GPS hatten wir es nicht immer leicht gehabt den richtigen Weg zu finden. Wie aus heiterem Himmel waren wir aber auf einmal zu dritt – ein junger Läufer hatte zu uns aufgeschlossen und lief seitdem bei uns mit. Kurz vor dem ersten Verpflegungspunkt hatten wir aber dann doch den falschen Weg genommen – statt geradeaus Richtung Oberhaverbeck zu laufen sind wir alle drei links ab und kamen kurz vor Niederhaverbeck raus. Peter war schnell klar, dass wir hier falsch waren – so gab es den ersten kleinen Umweg von einem knappen Kilometer. Klaus war recht verwundert als wir von der falschen Seite den VP anliefen, war aber erstaunt zu welcher Zeit wir da waren. Wir waren knappe eineinhalb Stunden unterwegs gewesen – ein Schnitt von ca. 5:37 pro Kilometer. Am VP hatte Klaus an alles gedacht – Cola, ISO, Salzgebäck und vieles mehr…
Wir liefen also gestärkt weiter – wussten wir doch das es nur noch einen weiteren VP geben wird – nämlich diesen auf dem Rückweg. Also ging es jetzt Richtung Totengrund und zum Wilseder Berg. Allerdings war auch der Weg dort hin nicht ganz so einfach… auch hier liefen wir wieder falsch und hatten die richtige Abzweigung verpasst. Mit der Karte kam ich trotz meiner Vergangenheit bei den Panzeraufklärern an diesem Tage nicht so gut zurecht und da auch Peters Uhr hin und wieder Aussetzer hatten waren wir irgendwann zu weit südlich. Keine Orientierungspunkte mehr gesehen, so war uns klar das wir wieder falsch waren. Immer wieder angehalten – Blick auf die Karte – wo ist der Totengrund? Dann ab durch den Wald – grob die richtige Richtung eingeschlagen und wir kamen wieder auf den rechten Weg. Im Totengrund angekommen hat sich Peter zurückfallen lassen und meinte zu mir und meinem jüngeren Begleiter: Lauft ihr mal – ich mach jetzt langsamer. Und so liefen wir alleine durch den Totengrund – einer wunderschönen skurrilen Landschaft…

Hier ging es über schmale Trails mit vielen Wurzeln und Steinen rauf und runter. Der höchste Punkt war der Wilseder Berg mit 167 Meter. Danach ging es bergab und die Sonne kam raus – leider, denn es wurde teilweise richtig warm.
Zum nächsten Anstieg habe ich dann meinen jüngeren Kollegen laufen lassen und ich musste das erste mal gehen – das war so bei Kilometer 28,5. Danach kam ein schöner Trail am Waldrand Richtung Oberhaverbeck. Jetzt war ich das erste mal alleine und konnte die Stille genießen – Platz 2 – vor mir keiner, hinter mir keiner. Am VP traf ich meinen jüngeren Kollegen wieder. Ich wusste da aber bereits das eine Gesamtzeit unter 5 Stunden nicht mehr zu schaffen sein wird. Ich füllte meinen Trinkrucksack auf, stärkte mich mit Cola und Salzgebäck und dann liefen wir wieder zu zweit weiter. Aber es sollte nicht mehr lange dauern, bis ich das Tempo nicht mehr halten konnte – die Sonne zog sich zwar hinter grauen Wolken zurück, aber meine Kraft zog sich ebenfalls zurück. Nachdem ein starker Regenschauer einsetzte, nutze ich die fünf Minuten für eine Pause – immer häufiger trank ich einen großen Schluck aus meinem Rucksack. Als der Regenschauer vorbei war ging es weiter und mein jüngerer Läuferfreund war bald nicht mehr zu sehen. So ab Kilometer 42 kam es immer häufiger vor das ich längere Gehpausen einlegen musste… Ich versuchte weiter zu laufen, aber die Beine wollten nicht mehr. So erging es mir bis dato noch nie – das war neu für mich. Mir schossen die blödesten Gedanken durch den Kopf… Warum bin ich jetzt nicht zu Hause bei meiner Familie? Sollte ich abkürzen? Sollte ich abbrechen? Sollte ich die Ultras lassen? Sollte ich gar mit dem Sport aufhören? Warum war ich im Harz so schnell? Und jetzt – mit viel weniger Höhenmeter? Mir war zu dieser Zeit einfach noch nicht bewusst, dass diese Belastung zu schnell auf der letzten Belastung folgte… mir tat nur alles weh… die Wege kamen mir endlos vor… die Abzweigungen auf der Karte waren so weit entfernt… jeder Schritt wurde langsamer…
ABER: ich wollte doch kein „dnf“ (did not finshed) in der Ergebnisliste stehen haben. Ich wollte doch nicht wirklich aufgeben… Mir fielen die 10 Gebote des Heide-Ultra-Trail von der Homepage wieder ein. Also riss ich mich zusammen, trank meine Trinkblase gänzlich leer und folgte der Strecke immer im Wechsel zwischen langsam laufen und etwas schnellerem Gehen. Immer ein Blick nach hinten – noch war ich ja zweiter.
Nachdem ich auf den letzten Kilometer über lange Holzstege die Landschaft genoss und unter Sonneneinstrahlung litt, bin ich auch wieder auf falschen Wegen unterwegs gewesen – keine großen Umwege, aber Umwege halt. Da traf ich auf den letzten Kilometern Peter wieder – er hatte mich in der Ferne gehen gesehen und wusste das er mich einholen konnte. Immerhin war Peter ein langjähriger Ultraläufer mit weit aus mehr Erfahrung als ich. Ich erzählte ihm von meinem neuen Ziel: Nicht mehr unter 5 Stunden, jetzt nur noch unter 6 Stunden bleiben. So zog er mich die letzten Meter Richtung Ziel und ich war froh, nicht mehr alleine gewesen zu sein. Nach 5 Stunden und 56 Minuten erreichten wir die Sporthalle nach knappen 54 Kilometern an der morgens alles begann. Heilfroh im Ziel angekommen habe ich mit Ernüchterung feststellen müssen das mein Körper nicht alles so will wie mein Kopf – und gut das ich nicht auf die 80 Kilometer gewechselt habe.
Nichts desto trotz – Platz 2 teilte ich mir mit Peter und auch mein jüngerer Kamerad hatte die 5 Stunden nicht geschafft und war gerade mal knappe 20 Minuten vor uns im Ziel.

So ging ein schöner Tag in der Lüneburger Heide mit lehrreichen Erfahrungen zu Ende… Fazit meiner Ultraläufer Karriere: die ist noch nicht zu Ende – aber ich werde meine Wettkämpfe besser aussuchen müssen, damit meinem Körper auch die nötige Erholung bekommen kann die er benötigt. Die Harzquerung war mitten im Trainingsplan nach dem Doppeldecker – da stand ich viel mehr im Saft. Nach der Mitteldistanz wollte mein Körper wohl Erholung statt den nächsten Ultra…